Nachhaltigkeit & Tourismus

Glossar: 

Konzept der nachhaltigen Tourismusentwicklung

Nachhaltiger Tourismus ist zwar seit einigen Jahren in aller Munde, jedoch wird der Begriff häufig missinterpretiert bzw. falsch verwendet. „Sustainability is now one of the most common concepts used in tourism development discussion. At the same time it is also one of the least understood concepts and both academics and practitioners are still a very long way from reaching a consensus regarding its definition.” (Fletcher, 2008, S. 215) Auch Butler (1999, S. 19) weist auf die Problematik der inflationären Definitionen des Begriffs hin. “The key problem, in my mind, is the current inability to define to the satisfaction of all, or even most, of the stakeholders in tourism, exactly what is meant by ‘sustainable tourism’.” Daher werden zu Beginn dieses Artikels die grundlegenden Prinzipien der Nachhaltigen Tourismusentwicklung dargelegt.

Dass der Tourismus ein zweischneidiges Schwert ist, wurde in der wissenschaftlichen Literatur sowie in der touristischen Praxis bereits ausreichend diskutiert. „Tourism has immense power to do good. Yet it can also be the vector for the very pressures that may destroy the assets on which it relies. Developed without concern for sustainability, tourism can not only damage societies and the environment, it could also contain the seeds of its own destruction.” (UNEP, 2005, S. 10)

Obwohl bereits viel früher schon vor den ökologischen und sozialen Auswirkungen des Tourismus gewarnt wurde (Krippendorf 1975, 1984) wurde die Thematik der Nachhaltigkeit im Tourismus erst im Jahr 1996 aufgegriffen (Friedl, 2002; Baumgartner/Röherer, 1998). Zu den wichtigsten Meilensteinen in der Nachhaltigkeitsdiskussion im Tourismus zählen hier die Deklaration der Lanzaroter Charta (1995), die Agenda 21 für die Reise- und Tourismusindustrie (1996), die Nachfolgekonferenz von Rio in Santiago de Chile mit der Verabschiedung des „Global Code of Ethics“ (1999) und der Code of Conduct for Protection of Chrildren from Sexual Commercial Expoitation in Travel and Tourism. (Friedl, 2002; Viegas, 1998).

Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bezeichnete die Bewirtschaftungsweise von Forstgebieten, bei welcher immer nur so viele Bäume abgeholzt wurden, dass der Wald genügend Zeit zur Regeneration hatte und damit nie zur Gänze abgeholzt werden konnte (Tremmel, 2003). Davon abgeleitet beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit die Nutzung eines regenerierbaren natürlichen Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise nachwachsen kann.  Im Brundtland Report (1987, S. XV) wird Nachhaltigkeit folgendermassen definiert: „… meeting the needs of the present generation without compromising the ability of furture generations to meet their own needs“.

Die Definition der UNWTO für nachhaltigen Tourismus ist in Anlehnung an den Brundtland Report entstanden. "Sustainable tourism development meets the needs of present tourists and host regions while protecting and enhancing opportunity for the future. It is envisaged as leading to management of all resources in such a way that economic, social, and aesthetic needs can be fulfilled while maintaining cultural integrity, essential ecological processes, biological diversity, and life support system" (UNWTO, 2001, S. 21). Zwar bestehen daneben eine Vielzahl an weiteren Definitionen, die meisten überschneiden sich jedoch in folgenden Aspekten (Fletcher, 2008):

  • Nachhaltigkeit verfolgt immer eine langfristige Perspektive.
  • Sie vereint die wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche bzw. kulturelle sowie die politische Sicht.
  • Es werden alle Stakeholder mit einbezogen, welche aktiv an den Entscheidungen teilhaben sollen (Prinzip der Partizipation).

Aufgrund der langfristigen Perspektive wäre es sinnvoller, anstelle von Nachhaltigem Tourismus – den es per se nicht gibt – von Nachhaltiger Tourismusentwicklung zu sprechen. Diese stellt immer einen langwierigen Prozess dar, bei welchem ein Tourismusbetrieb oder eine touristische Destination ihre Produkte und deren Produktion möglichst nachhaltig gestalten. Der Idealzustand wird dabei wahrscheinlich nie erreicht werden, sondern es wird vielmehr versucht, den gesamten Betrieb laufend im Sinne der Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. „Moreover, sustainable tourism should not be taken to imply a finitive state of tourism. In fact, it is often argued that tourism may never be totally sustainable – sustainable development of tourism is a continous process of improvement.” (UNEP, 2005, S. 12)

Nachdem das Nachhaltigkeitskonzept ursprünglich aus der Forstwirtschaft sowie die spätere Nachhaltigkeitsbewegung aus der Umweltrichtig stammen, wird dem Nachhaltigen Tourismus auch heute noch eine ökologische Überdimension zugesagt. Wichtig ist jedoch, dass das Konzept der Nachhaltigkeit  und der nachhaltigen Tourismusentwicklung ein holistisches ist, welche alle drei Ebenen der Nachhaltigkeit umfasst. Vielfach wird jedoch diskutiert, ob die Gewichtigkeit aller drei Ebenen ausgeglichen ist bzw. sein sollte. „Sustainable principles refer to the environmental, economic and socio-cultural aspects of tourism development, and a suitable balance must be established between these three dimensions to guarantee its long-term sustainability.” (UNEP, 2005, S. 11) Aus Sicht der Betriebswirtschaftslehre hingegen muss in erster Linie die ökonomische Dimension eines Unternehmens gesichert sein, und überhaupt sozial- und umweltverträglich wirtschaften zu können.

Unter Partizipation versteht man die Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung in die touristische Entwicklung. Dabei kann zwischen wirtschaftlicher und politischer Partizipation unterschieden werden. Während es bei ersterer rein um die Beteiligung an den Gewinnen und damit um die Beteiligung an Einkommensmöglichkeiten geht, umfasst zweiterer ebenfalls die Beteiligung an der Entscheidungsfindung im Bezug auf die touristische Entwicklung einer Region. (Strasdas, 2001) Weiters unterscheiden Pretty et al. (1995) zwischen verschiedenen Typologien der Partizipation – von der passiven Partizipation, bei bei welcher die Betroffenen zwar informiert werden, nicht aber ihre Stellungnahme abgeben können, bis hin zur Selbst-Mobilisierung, wo die Betroffenen selbst die Initiative einbringen, Entscheidungen treffen und die Kontrolle überhaben. (Pretty/Guilt/ Thompson et al., 1995)

Aufgrund der Berücksichtigung aller drei Ebenen sowie dem Prinzip der Partizipation stellt das Konzept der nachhaltigen Tourismusentwicklung eine große Komplexität dar, welche nur schwer abgebildet bzw. überprüft werden kann. Es gibt unterschiedliche Ansätze, die nachhaltige Entwicklung in der Tourismusindustrie voranzustreiben. Die UNEP und UNWTO unterscheiden hier zwischen Messinstrumenten (Nachhaltigkeitsindikatoren, Kapazitätsgrenzen, etc.), Kontrollinstrumente für Regierungen (Legislatur, Rechtsvorschriften, Lizenzvergaben, Raumplanung, ect), Ökonomische Instrumente (Steuern, Abgaben, Förderungen, etc.), freiwillige Instrumente (Verhaltenscodexe, Nachhaltigkeitsreports, Audits, Zertifizierungen, Gütesiegel, etc.) sowie unterstützende Instrumente (Infrastrukturmaßnahmen, Kompetenzgewinn, Marketing- /Informations-services, etc.). (UNEP, 2005)

UNEP und UNWTO weisen deutlich darauf hin, dass Nachhaltiger Tourismus wie manchmal fälschlicherweise angenommen keine Tourismusart darstellt, welche auf die ökologischen und sozialen Auswirkungen Rücksicht nimmt. Unter „Sustainable Tourism“ verstehen die beiden Organisationen vielmehr eine Art des Tourismusmanagement, welches auf den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung aufbaut. Damit stellt dieser Begriff nicht ein touristisches Nischensegment dar, sondern kann bzw. sollte auf alle Tourismusformen angewendet werden. (UNEP, 2005) „Sustainable tourism development guidelines and management practices are applicable to all forms of tourism in all types of destinations, including mass tourism and the various niche tourism segments.” (UNEP, 2005, S. 11)

Ein weiterer Trugschuss ist, dass Ökotourismus sowie Nachhaltiger Tourismus als Synonym verwendet werden können. UNEP und UNWTO machen klar, dass Ökotourismus zwar die Prinzipien des Nachhaltigen Tourismus verfolgt, jedoch nur eine Produktnische darstellt. „Ecotourism does indeed embrace the principles of sustainability, but it refers explicitly to a product niche. It is about tourism in natural areas, normally involving some form of interpretative experience of natural and cultural heritage, positively supporting conservation and indigenous communities, and usually organized for small groups.” Damit werden die beiden Begriffe Ökotourismus und Nachhaltiger Tourismus ganz deutlich voneinander abgegrenzt. Während Ökotourismus ein Nischenprodukt darstellt, ist unter Nachhaltigem Tourismus vielmehr die Nachhaltigere Entwicklung aller Tourismusformen zu verstehen.

Weiters wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Berücksichtigung der Kundenperspektive essentiell für das Konzept der nachhaltigen Tourismusentwicklung ist. Gerade der Wertewandel der letzten Dekaden spielt in der Produktentwicklung und Kommunikation von nachhaltigen Tourismusprodukten eine entscheidende Rolle. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts waren es hauptsächlich Konsumenten aus der Umweltschutz-Bewegung, welche sich für diese Themen interessierten. Dabei stand zumeist der Verzicht im Vordergrund. Der Konsument von heute – häufig als LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) bezeichnet – will hingegen in erster Linie Genießen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Diese neuen Konsumenten sind nicht als neue Zielgruppe, sondern vielmehr als Lebensstil oder Mindset anzusehen. Umgelegt auf die Sinus-Milieus von Sinus-Sociovision findet man LOHAS in der Mittel- bis Oberschicht der Gesellschaft, welche der Grundorientierung Modernität oder Neuorientierung angehören. Damit wird auch klar, dass diese Personen vielfach unterschiedliche Motive und Beweggründe haben und nicht im Marketing und der Kommunikation nicht als eine Zielgruppe angesprochen werden können.

Nachhaltigkeit im Tiroler Tourismus

Die Abteilung Raumordnung & Statistik im Amt der Tiroler Landesregierung wurde im Jahr 2009 mit der Nachhaltigkeitskoordination beauftragt. Eine Abstimmung der Agenden erfolgt unter anderem im Rahmen des Tiroler Wegs 2008-2012. 2011 wurde mit der Unterstützung vieler Stakeholder im Zuge von sechs Beteiligungsforen die Tiroler Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. Der aktuelle Diskussionsentwurf von August 2011 sowie die Rückmeldungen aus den Beteiligungsforen sind auf der Homepage des Landes Tirol einsehbar.

Eine Studie des MCI Tourismus aus dem Jahr 2009 analysierte den Status quo der Nachhaltigkeitsbestrebungen in Tirol aus Sicht der Tourismusverbände. Dabei wurde ersichtlich, dass bisher der Fokus auf der wirtschaftlichen Ebene lag und besonders die soziale aber auch die ökologische Dimension teilweise vernachlässigt wurde und hier vermehrt Handlungsbedarf besteht.